von Simone Gerdesmeier
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Buch

18.6.06 23:06


Die Stadt der Sehenden

José Saramago

Weiß, die Farbe des Lichts, so sagt man, die Farbe der Unschuld, die Farbe der Reinheit - aber auch die Farbe der Trauer und des Todes. In José Saramagos Roman wird die die Nichtfarbe Weiß zum zweiten Mal, nach der "Stadt der Blinden", zum Symbol der menschlichen Unzulänglichkeit. Stand die weiße Blindheit jedoch noch für das Nichterkennen die Ignoranz gegenüber der menschlichen Natur, wird Weiß hier zum Zeichen des Wiederstands.
In einer namenlosen Stadt in einem namenlosen Land werden bei einer Landtagswahl ungewöhnlich viele nicht ausgefüllte, eben "weiße", Stimmzettel abgegeben. Die Regierungspartei sieht in der Verweigerung der Bürger einen Aufstand, verlässt die Hauptstadt und verhängt den Ausnahmezustand. Entgegen aller Erwartungen verbleibt das Leben in der von allen Sicherheitskräften und - nach dem Rücktritt des Bürgermeisters - von jeglicher Verwaltung verlassenen Stadt friedlich.

Es ist eine individuumslose Welt, in die der Beginn von Saramagos Parabel führt - eine anonyme, namenlose Masse, die kollektiv "weiß" waählt, eine ebenso anonyme, wenn auch kleinere Menge von regierungstreuen Wählern und über allem die namen- und gesichtslose Riesenmaschine, die "Regierung", drohend, wütend, aus Einzelteilen, die nur durch ihre Funktion und ihr Funktionieren gekennzeichnet sind. Was innerhalb der Maschine nicht funktioniert, wird ausgewechselt. Wenn das Volk nicht funktioniert, gilt es das faule Teil zu finden, das den Fehler verursacht.

In der zweiten Hälfte verändert Saramago die Voraussetzungen: Er führt Individuuen ein. Zunächst kaum bemerkt vom Leser lehnt sich ein Bürgermeister gegen die übergeordnete Macht der Regierungsmaschine auf. Die Auswechslung erfolgt hier noch kurz und schmerzlos. Auftritt, Rücktritt, Abtritt. Auf ein Ersatzteil wird gleich mal verzichtet, die Stadt soll nicht repariert, die soll auseinandergenommen und dann erst neu zusammengesetzt werden.
Zum Auseinandernehmen werden ein Kommissar und zwei Gehilfen in die Stadt geschleust. Die Regierung sucht das faule Teil, der Kommissar soll es finden, vermutet wird es in der Frau des Augenarztes, eine Bekannte aus "Die Stadt der Blinden", damals die einzige, die ihr Augenlicht behielt. Wer anders war, wird anders bleiben - sie steht im Verdacht, den "Aufstand" angezettelt zu haben.
Saramago lässt den Kommissar nach der Begegnung mit der Frau des Augenarztes aus seiner reinen Funtionalität heraustreten, die Sehende verleiht dem Suchenden eine eigene Perspektive. Damit wachsen seine Zweifel.

Der Beginn der Geschichte verheißt Erneuerung, deutet auf die Chance, Veränderungen zu ermöglichen, wenn nur genügend Menschen es versuchen. Der Leser hofft - er hofft auf eine Erfüllung des Titels, auf ein Sehen, auf eine Erkenntnis, klammert sich an die Verheißung, die das Wort "weiß" in seiner positiven Bedeutung mit sich bringt, sieht das sprichwörtliche Licht am Horiont. Die Läuterung des Kommissars schürt die Hoffung einmal mehr. Je "reiner" seine Gestalt, je klarer seine Perspektive, desto lichter, freudiger, leichter die Erwartungen des Lesers.
Umso schmerzhafter ist der Fall:
Offen, ja offen lässt Saramago auch dieses Ende wieder, es wäre keine Parabel aus der Hand des Portugiesen, wäre am Ende irgendetwas entschieden. Doch davor tritt er dem Leser in den Magen, kräftig, gut gezielt. Kaum zehn Seiten genügen, um die Positionen klarzustellen: Die Welt ist schlecht, alle Aktionen sind sinnlos, gute Absichten haben schlimme Folgen, Weiß ist die Farbe der Trauer. Also trauert der Leser. Nach dem Tod der Hoffnung bleiben nur Tränen.

Die Stadt der Sehenden
Sprache: Deutsch
Gebundene Ausgabe - 382 Seiten - Rowohlt, Reinbek
Erscheinungsdatum: März 2006
ISBN: 3498063847
18.6.06 14:08





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